Vielfältigkeit psychischer Erkrankungen

Nachfolgend werden die am häufigsten vorkommenden psychischen Erkrankungen beschrieben. Manchmal kommen die erwähnten psychischen Probleme aber auch kombiniert im Sinne einer Komorbidität vor.

Krankheitsbilder

Die  Vielfältigkeit  psychischer  Erkrankungen  soll durch eine Übersicht der am häufigsten auftretenden psychischen Erkrankungen illustriert werden.

Damit soll verdeutlicht werden, dass eine klare Unterscheidung bzw. Abgrenzung und damit das Erkennen sowie eine umgehende und erfolgreiche Behandlung oft schwierig ist. Zudem haben Systeme (z. B. Familie) in denen Betroffenen leben nicht selten Strategien entwickelt, diese Erkrankungen zu kompensieren und zu tabuisieren und sich nach außen hin abzugrenzen.

Schizophrenie und schizoaffektive Störungen (Psychosen)

Die Schizophrenie gehört zur Hauptgruppe der so genannten endogenen Psychosen. Sie ist auch heute noch, trotz der Vielzahl neuer und guter Behandlungsmöglichkeiten eine schwere psychische Krankheit.

Die Entstehung ist multikausal determiniert, es gibt also nicht die Ursache der Schizophrenie. Es gilt als etablierte Meinung, dass die Krankheit Schizophrenie durch ein Zusammenwirken verschiedener, biologischer wie psychosozialer Faktoren begünstigt, ausgelöst und unterhalten wird. Das Modell, nach welchem sich die moderne Schizophrenieforschung die Entstehung der Krankheit erklärt, nennt sich „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“. Es versucht die verschiedenen Wirkfaktoren in einer einzigen Entstehungshypothese zu vereinen.

Eine weitere, relativ gesicherte und bekannte Hypothese im Zusammenhang mit die-ser  Erkrankung  ist  die  so  genannte  Dopamin-Hypothese  der  Schizophrenie,  welche davon  ausgeht,  dass  eine  (relative)  Überaktivität  bestimmter  Botensysteme  in  bestimmten  Regionen  im  Gehirn  wesentlich für  die  Entstehung  psychotischer  Symptome  sind  und  welche  Grundlage  der  modernen  psychopharmakologischen  Behandlung der Schizophrenie ist.

Eine weitere, gesicherte Erkenntnis ist die, dass Schizophrenien auch eine genetische Verursachung haben. Es gibt aber auch hier nicht das Gen für die Schizophrenie, sondern man geht aus von einer so genannten polygenen Erbanlage mit unvollständiger Penetranz, die zu etwa 5 Prozent an der Manifestation einer späteren Schizophrenie beteiligt ist.

Die  schizoaffektive  Störung  ist  ein  Krankheitsbild, bei  dem  sowohl  Symptome  einer schizophrenen Psychose als auch solche einer Depression oder Manie, also einer affektiven Störung, vorliegen. Die schizoaffektive Störung gibt es dementsprechend in verschiedenen Varianten, als:

  • schizodepressive Störung,
  • schizomanische Störung,
  • gemischte (manische und depressive) schizoaffektive Störung .

Persönlichkeitsstörungen

Die  Diagnose  „Persönlichkeitsstörung“  erfreut  sich im  klinischen  Alltag  einer  ungebrochenen  Beliebtheit.  In  einer  breit  gefächerten  Erhebung,  die  sowohl  im  stationären  als  auch  im  ambulanten  Bereich  verschiedene  Berufsgruppen  erfasste,  kamen nur 2,8 Prozent der Befragten ohne diese Diagnose aus. Bei den übrigen 97,2 Prozent  der  Befragten,  die  mit  dieser diagnostischen  Kategorie  arbeiten,  sind  unterschiedliche Bezeichnungen, meist nebeneinander und in folgender prozentualer Häufigkeit im Gebrauch:

  • Persönlichkeitsstörung (80,1%): Borderline, histrionische, narzisstische Persönlichkeitsstörung etc.
  • Abnorme Persönlichkeit (70,1%)
  • Charakterneurose (63,1%)
  • Dissoziale Persönlichkeit / Soziopathie (50,8%)
  • Psychopathische Persönlichkeit (41,5%)

Depressionen

Nach  heutiger  Auffassung  machen  Depressionen  den  Hauptteil  der  „affektiven  Störungen“ (Gemütserkrankungen) aus, sie sind die häufigsten psychiatrischen Erkran-kungen älterer Menschen und gehören sogar zu den häufigsten psychischen Krankheiten  überhaupt.  Nur  in  etwa  der  Hälfte  der  Fälle werden  Depressionen  von  den Hausärzten  diagnostiziert  und  noch  seltener werden sie  fachgerecht  behandelt.  Dabei gibt es heute eine ganze Reihe erprobter Behandlungsmethoden, sowohl psychotherapeutische, als  auch  medikamentöse, um  Depressionen  wirksam  zu  behandeln.

Damit  soll  nicht  festgestellt  werden,  dass  Depressionen  keine  ernst  zu  nehmenden Störungen sind oder bei fachgerechter Behandlung immer gute Prognose haben! Die typischen  Symptome  einer  Depression  sind  eigentlich geläufig.  So  kann  man  diese  bzw. Anzeichen häufig bei anderen Menschen aber auch bei sich selbst beobachten:

  • allgemein reduziertes Lebensgefühl (Vitalstörung),
  • hartnäckige, oft „grundlose“,  durch  äußere  Faktoren  kaum  beeinflussbare  de-pressive Verstimmtheit aller Schweregrade mit Reduktion oder Verlust der „affektiven Schwingungsfähigkeit“, oft „tiefe Traurigkeit“,
  • Hemmung allen seelischen Geschehens“ oder unproduktive Betriebsamkeit,
  • Interesselosigkeit und Freudlosigkeit,
  • Antriebsstörung,
  • rasche Ermüdbarkeit,
  • Konzentrationsstörung und Merkfähigkeitsstörung,
  • Schlafstörungen,
  • Morgentief,
  • Schuld- und Versagensgefühle,  Gefühle  innerer  Leere  und  Sinnlosigkeit,  Lebensüberdruss- oder Suizidgedanken,
  • Zukunftsängste, andere Ängste, Hoffnungslosigkeit,
  • Wut gegen sich selber,
  • tiefe Verzweiflung,
  • Verlust des sexuellen Verlangens (Libido-Verlust),
  • Appetitlosigkeit, Störung des Essverhaltens,
  • körperliche Symptome wie  Schwitzen,  Kopf-  und  andere  Schmerzen,  Tinnitus, Schwindel.

Bipolare (manisch-depressive) Störung 

Die  „Hypomanie“,  die  „Manie“  und  die  „bipolare  Störung“  (manisch-depressive  Erkrankung)  gehören  wie  auch  die  monopolaren  Depressionen  zu  den  so  genannten  „affektiven Störungen“ (Gemütserkrankungen). Obwohl die ersten Symptome im Mittel  mit  15,5  Jahren  bemerkbar  sind,  kommt  es  im  Durchschnitt  erst  im  Alter  von  22 Jahren  zur  ersten  Behandlung!  Bei  schwererer  Ausprägung  kommen  nicht  selten massive  Maßnahmen  wie  Zwangszuweisungen,  Zwangsmedikationen  zum  Einsatz, um den Patienten selber und die Umgebung vor den Folgen manischer Fehlhandlungen zu schützen. Dadurch entstehen häufig Traumatisierungen, die bedeutsam sind für die spätere Rehabilitation und Prognose der Erkrankung.

Die  typischen  Symptome  einer  Manie  sind  Episoden  unangemessen  gehobener Stimmung,  Antriebssteigerung,  beschleunigtes  Denken,  Ideenflucht  und  Selbstüberschätzung. In der Manie kommt es oft zu exzessivem Kaufrausch, in manchen Fällen auch  zu  promiskuitivem  Verhalten,  zu  Alkoholexzessen  etc.  Statt  einer  gehobenen Stimmung  kann  auch  ein  impulsives,  gereiztes  und  aggressives  Verhalten  dominieren.  Diese  zweithäufigste  Verlaufsform  ist  die  oben bereits  genannte  „bipolare  Störung“ (früher: manisch-depressive Krankheit), bei leichterer Ausprägung  wird sie als „Zyklothymia“ bezeichnet. Wechseln depressive und manische Phasen sehr schnell, dann spricht man von „rapid cycling“.

Angststörungen, Phobien und Panikattacken

Ängste  gehören  zum  Leben,  wie  Gefühle  überhaupt.  Sie  treten  in  den  unterschiedlichsten  Situationen  und  Zusammenhängen  auf,  weise auf  drohende  Gefahren  hin und haben damit eine wichtige Schutzfunktion für den Menschen.

Berichtet ein Patient über zunehmende Ängste, so gehört die Klärung der Frage, ob es  sich  um  eine  „Angststörung“  oder  eine  „berechtigte Angst“  handelt  zu  den  allerersten  und  wichtigsten  Maßnahmen.  Denn der  Blick  kann  verstellt  sein  dafür,  dass eine aufkommende Angst auf eine tatsächlich bestehende Gefahr hinweisen könnte (z. B. auf das Entgleiten eines Lebenskonzeptes, eine schwelende Beziehungskrise etc.) oder, wie im Fall der Phobie, eine möglicherweise berechtigte Angst der psychischen  Abwehr  auf  einen  unbedeutend  scheinenden  Gegenstand  verschoben  sein könnte  oder  sich  wie  bei  den  Panikattacken  in  verfremdeter  Form  am  falschen  Ort zeigen und in ihrer ursprünglichen Bedeutung dadurch nicht direkt zu erkennen sein könnte. Angst kann auch ein „Begleitsymptom“ einer anderen Erkrankung (körperlich oder  psychisch)  sein,  weshalb  das  Auftreten  einer  solchen  Symptomatik  eine  umfangreiche  medizinische  und  psychiatrische  Abklärung  notwendig  macht.  In  solchen Fällen  einer  eigentlich  berechtigten  Angst  wäre  es kurzsichtig,  diesen  Affekt  sofort zum  (einzigen)  „Symptom“  zu  erklären  und  entsprechend  „symptomatisch“  zu  behandeln.  Vielmehr  muss  geprüft  werden,  ob  nicht  z. B.  die  „Ahnungslosigkeit“  des Patienten,  woher  seine  Angst  kommen  könnte,  das  eigentliche  Symptom  darstellt und im Zentrum der weiteren Diagnostik und Therapie zu stehen hätte. Meist geht in der  Praxis  dann  beides  Hand  in  Hand  und  die  konkrete  Behandlung  gestaltet  sich dann eben „mehrdimensional“ und vor allem möglichst „kausal“, also auf die Ursache bezogen.

Häufig  sind  allerdings  Ängste  und  Panikattacken  tatsächlich  Störungen  im  eigentlichen Sinne des Wortes, z. B. ein angeborener Überschuss an Angst oder eine (möglicherweise  durch  biographische  Faktoren  mitbedingte)  Irritation  oder  Fehlentwicklung im affektiven Bereich, die dann gezielt angegangen, mit kognitiven und übenden Verfahren sowie medikamentöser Unterstützung in Grenzen gehalten bzw. möglichst überwunden werden müssen. Ein effektives Training ist dann sehr wichtig, damit der Betroffene  nicht  stetig  in  seiner  Lebensentfaltung behindert  und  im  Verlauf  invalidisiert wird.

Esstörungen (Bulimie, Magersucht, Binge-Eating-Disorder, Orthorexie)

Essstörungen  werden  im  Rahmen  klinischer  Störungen als  eigene  Gruppe  aufge-führt. Als psychische Störungen werden sie ebenfalls als eigenständige Gruppe unter der  Rubrik  Verhaltensauffälligkeiten  in  Verbindung mit  körperlichen  Störungen  und Faktoren aufgeführt. Im Wesentlichen verteilen sich die Essstörungen auf die beiden bekannten   Krankheitsbilder   Magersucht   (Anorexia   nervosa)   und   Bulimie   (Ess-/Brechsucht,  Bulimia  nervosa).  Daneben  werden  Essstörungen  aus  bekannten  körperlichen oder reaktiv-psychischen Gründen sowie Mischformen unterschieden.

Als gemeinsame Merkmale essgestörter Menschen können erkannt werden:

  • Störung des Körperbildes,
  • Wahrnehmungsstörungen nach innen und außen sowie im Gefühlsbereich,
  • ein tiefes Gefühl eigener Unzulänglichkeit.

Abhängigkeitserkrankungen

Gemeint ist meist die Abhängigkeit von Substanzen z.B. Alkohol, illegale Drogen, Medikamenten etc.. Man unterscheidet die psychische Abhängigkeit, also ein Verlangen die Substanz erneut einzunehmen, um den lustvollen Zustand zu erreichen und die körperliche Abhängigkeit, die sich durch eine Anpassung des Stoffwechsels an die Substanz und verschiedene Entzugssymptome auszeichnet. Eine weitere Folge ist die Toleranzbildung, d.h. dass der Betroffene zunehmend größere Mengen zu sich nehmen muss, um die gleiche Wirkung zu erzielen.

Mobbing- und Burnout-Syndrom

„Mobbing“ bedeutet aus dem Englischen „to mob“ übersetzt: über jemanden lärmend herfallen,  jemanden  anpöbeln,  angreifen,  attackieren.  Im  gesellschaftlichen  Zusam-menleben  bezeichnet  dieser  Begriff  ein  zwischenmenschlich  klar  beschreibbares, aber juristisch oft schwierig definierbares Phänomen, bei welchem eine oder mehrere Personen über längere Zeit, bewusst oder unbewusst aktiv oder passiv, in jedem Fal-le  aber  systematisch  von  Mitmenschen  innerhalb  einer  Gruppensituation  destruktiv behandelt  werden  und  altruistische  Impulse  zum  Schutz  dieser  Minderheit  blockiert sind.  „Mobbing“  ist  keine  psychiatrische  oder  medizinische  Diagnose,  es  provoziert aber in hohem Maße psychische Störungen, zieht also überzufällig häufig psychiatri-sche  Diagnosen  nach  sich.  Deshalb  soll  hier  das  „Mobbing“  von  der  Ergebnisseite her  betrachtet  werden,  also  von  den  möglichen  Auswirkungen  solcher  destruktiver zwischenmenschlicher  Prozesse  auf  die  seelische  Gesundheit.

Eine  zunehmend häufige  Erkrankung  (oder  zunehmend  diagnostizierte Erkrankung),  die  zumindest  in der Wahrnehmung der Betroffenen gehäuft mit „Mobbing-Erlebnissen“ in Verbindung gebracht wird, ist das Burnout-Syndrom.

Im Wesentlichen ergeben sich vier wichtige und nicht immer leicht zu treffende differentialdiagnostische  Abgrenzungen,  wenn  ein  Mensch aufgrund  von  „Mobbing“  zum psychiatrischen Patienten wird:

  • eine depressive Episode
  • eine Anpassungsstörung
  • eine posttraumatische Belastungsstörung
  • ein Burnout-Syndrom
  • eine Persönlichkeitsstörung

Die  gedrückte  Stimmung  ist  allen  Störungsbildern  gemeinsam  und  stellt  erst  den Ausgangspunkt der differentialdiagnostischen Überlegungen und Abwägungen dar!

Die  schädlichen  Auswirkungen  von  Mobbing-Prozessen auf  die  seelische  Gesund-heit sind insgesamt noch wenig wissenschaftlich untersucht.

Traumatische Belastungsstörung und Anpassungsstörung

Zu  den  psychischen  Störungen,  die  sich  „reaktiv“  im Zusammenhang  mit  einer  vor-hergehenden  Belastung  oder  einer  Traumatisierung  entwickeln  können  gehören folgende Krankheitsbilder:

  • akute Belastungsreaktion
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Anpassungsstörung

Zwangsstörungen

Zwänge  und  Zwangsstörungen  sind  verbreiteter  als  früher  angenommen  und  kommen  in  einem  kontinuierlichen  Spektrum  von  harmlosen  und  oft  vorübergehenden „Angewohnheiten“  bis  hin  zu  wirklich  krankhaften  Denk-  und  Verhaltensweisen  vor.

Die  echte  „Zwangserkrankung“  wird  heute  als  eine  sehr  ernst  zu  nehmende  und  in der  Regel  schwierig  zu  behandelnde  psychiatrische  Erkrankung  aufgefasst.  Statistisch gesehen ist die Zwangskrankheit die fünfthäufigste psychiatrische Störung, sie tritt  interkulturell mit  einem nahezu  identischen  Grundmuster  und  regional  unabhängig mit derselben Prävalenzrate von ein bis der Prozent auf. Sie ist doppelt so häufig wie  Schizophrenien  oder  Panikstörungen!  Der  Leidensdruck  der  von  einer  Zwangs-störung  Betroffenen,  die  häufig  jahre-  oder  gar  jahrzehntelang  den  Gang  zu  einem Arzt vermeiden, ist beträchtlich. Im Schnitt vergehen sieben Jahre vom Ausbruch der Zwangs-Erkrankung bis zum ersten Arztbesuch! Es gibt mehrere Gründe dafür, dass der Zwangskranke seine Problematik so lange verheimlicht und zu verbergen trachtet.  Einerseits  weiß  er  (im  Gegensatz  zu  Wahnkranken)  sehr  genau,  dass  seine Symptomatik  völlig  unsinnig  ist,  weshalb  er  versucht,  „selber  damit  klarzukommen“. Andererseits ist in der Gesellschaft die wirkliche Bedeutung dieser Störung und das wirkliche  Ausmaß  des  Leidens  der  Betroffenen  kaum  bekannt,  sodass  von  dort  her wenig Verständnis zu erwarten ist.

Die Kommentare wurden geschlossen